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Das Elend der digitalen Kommunikation

Seit ein paar Tagen macht's ja wieder so richtig Spaß, morgens in sein Mail-Fach zu schauen. Was einem da so richtig Freude bereitet, das sind die Eingänge jenseits der geschäftlichen Nachrichten. Letztere erkennt man daran, dass sie eigentlich an jemand anderes gerichtet sind und man selbst - wie unzählige andere auch - sie nur als cc erhalten hat.

Nein, was einem das Herz höher schlagen lässt, sind die vielen Nachrichten mit "Hot" oder "Girls" in der Betreffzeile. Die Offerten, einen mit Prestige behafteten Teil des männlichen Körpers durch chirurgische Mittel zu vergrößern. Kredite zu horrenden Zinsen. Nebenjobs mit phantastischen Verdienstmöglichkeiten. Und vor allem die vielfältige Angebotspalette zum Bezug eines offenkundig sehr gut laufenden Medikaments des US-Pharmakonzerns Pfizer. Und als Absender jeweils eine wilde Kombination aus Buchstaben und Ziffern vor und ein Freemailer nach dem @. Es ist einfach klasse! Man muss diese Eingänge nur abzählen und die Summe mit 10 multiplizieren. Dann erhält man die Gesamtstrafe in Dollar, die die Spammer vielleicht bald zahlen müssen.

Jedenfalls hat der Wirtschaftsausschuss des US-Senats jetzt einen Gesetzesentwurf gebilligt, mit dem das Verschicken unerwünschter Werbe-Mails unter Strafe gestellt werden soll. Bußgeld pro Stück: 10 Dollar. Da geht man doch richtig beschwingt ans Weg-Clicken von dem ganzen Mist. Und wie's nun mal so ist: Wenn man gut drauf ist, bekommt man einen freien Kopf. Beispielsweise zum Rechnen: Weltweit werden täglich 10 Milliarden Mails verschickt. Das haben vor einiger Zeit die Marktforscher von der US-amerikanischen Giga Group ausgerechnet. Kalkulieren wir einmal mit einem Spam-Faktor von 33 Prozent. Dann ergibt sich - 10 Milliarden mal 0,33 mal 10 Dollar mal 365 - eine Summe von etwas über 12 Billionen Dollar. Also deutlich mehr als das Bruttosozialprodukt der USA. Soviel könnte an Bußgeld anfallen.

Zugegeben, die Rechnung ist nicht allzu seriös. Schließlich soll es beim Strafmaß eine Höchstgrenze geben. Aber auch wenn's ein paar Größenordnungen weniger wären, dann käme immer noch einiges zusammen. Auf 10 Milliarden Euro schätzt etwa die EU-Kommission den weltweiten Schaden durch Spam. Nicht eingerechnet sind dabei die wahrscheinlich noch sehr viel höheren gesamtwirtschaftlichen Verluste durch "ccs". Was ein richtiger Gschaftlhuber ist, der schickt Mails schließlich nicht an Adressen, sondern an Verteiler. Dabei war die E-Mail eigentlich ja als moderne Form des Briefs gedacht. Als Punkt-zu-Punkt-Kommunikation und nicht als Broadcast. Aber wen kümmert's.

Und so ähnlich ist's irgendwie bei allen modernen Kommunikationsmitteln. Beim Web beispielsweise. Im Web kann man alles bekommen, und zwar sofort. Texte, Bilder, Filme und Musik. Ohne Papier, ohne Zelluloid und ohne Vinyl. Nur Spannungs- beziehungsweise auf längeren Strecken Lichtimpulse. Bits halt. Deshalb geht's ja auch so schnell. Mit bis zu 299 792 Kilometern pro Sekunde. Was aber will die Internet-Wirtschaft? Dass man Bücher und CDs bestellt. Und die kommen dann nach ein paar Tagen mit der Post. Oder die Handys! Die sind ja eigentlich dazu da, damit man mobil kommunizieren kann. Also ortsunabhängig.

Und was tun die meisten? Sie beginnen erst einmal mit einer Ortsangabe, um dann auch gleich den unmittelbar bevorstehenden Abbruch des derart unglücklich gestarteten Kommunikationsversuchs anzukündigen. "Du, wir sind gerade am Hauptbahnhof in München angekommen. Ich muß gleich aufhören. Weil: Der Zug fährt jetzt wieder los. Und die Verbindung ist dann so schlecht." Die Lautstärke, in der derartiges oft vorgetragen wird, lässt zudem darauf schließen, dass in vielen Fällen noch nicht einmal der Kulturschock des Telefonierens als solches richtig verarbeitet worden ist. Es ist ja schließlich auch keineswegs unmittelbar einsichtig, dass man sich mit jemandem verständigen kann, der doch ganz weit entfernt ist, ohne dass man dazu aus Leibeskräften schreien muss.

In dem Zusammenhang: Politiker haben ja die Sache mit dem Internet-Führerschein erfunden. Dabei bleibt allerdings meist im Dunkeln, was das genau sein soll. Ist ja auch nicht so wichtig. Es klingt zukunftsorientiert und bringt im Zweifelsfall Stimmen. Aber vielleicht ist die Idee doch gar nicht so schlecht. Allerdings wenn, dann so wie beim Auto.

Wer sich von irgendwelchen E-Commerce-Schnapsideen berauscht an den Browser setzt, der kann seinen Internet-Führerschein gleich wieder abgeben. Wer spammt oder überflüssige ccs mailt, dessen Computer wird abgeklemmt. Und dann heißt's mit der Schreibmaschine schreiben und zum Briefkasten laufen. Und wer in der Öffentlichkeit ins Handy brüllt, der kommt in eine Zelle - in eine Fernsprechzelle, um die Sache mit dem Telefonieren erst einmal sozialverträglich zu üben.

Achim Killer

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